Der Tag des MegaMarsches – 9. Juni 2018

Der Tag des MegaMarsches – 9. Juni 2018

Der Tag des MegaMarsches – 9. Juni 2018
Nun stand endlich der 50 km Marsch in Bremen an. Wir haben uns alle einen Tag vorher in Bremen getroffen und dort eine Ferienwohnung gemietet. Mittlerweile hatte ich mich auch mit einigen anderen Finishern unterhalten, die mir noch wertvolle Tipps und Tricks verraten haben, wie man Blasen vermeidet. Ganz wichtig: 2 Paar Socken anziehen!!! So umgeht man die Scheuerung direkt auf der Haut. Und bestmöglichst jede Pause Socken wechseln. Getränke brauchten wir diesmal nicht so viel mitschleppen, da alle 10 km eine Verpflegungsstation eingerichtet wurde, wo man wieder Getränke auffüllen konnte. Im Rucksack waren somit eigentlich nur: Socken, Blasenpflaster, Sonnencreme, Badelatschen, Pullover, Snacks, Riegel, Trinkblase (2 liter), Taschentücher, Powerbank für Handy, Cappy, Geld und Ausweis.

    

Um 8 Uhr war der Start
Rechtzeitig aufgestanden und mit einem ausgewogenen Frühstück gestärkt, ging es nun zur S-bahn Station. Unsere Startunterlagen hat eine Freundin aus Bremen für uns schon ein paar Tage zuvor besorgt. So langsam steigt die Aufregung, aber auch Vorfreude. Es soll knacke heiß werden. Es war mittlerweile 7.40 Uhr als uns die Bahn dann endlich eingesackt hat. Doch dann PANIK! Zwei von uns haben ihre Startunterlagen zuhause vergessen. Fuck. Einer von beiden ist somit schnell wieder nach Hause gesprintet. Ob er es noch rechtzeitig schafft?!? Ich befürchte nein. Der Rest von uns machte sich zum Startplatz. Als wir dort angekommen sind, war es auch schon kurz nach 8 Uhr. Die ersten Startgruppen sind schon auf der Piste. Doch Gott sei Dank gibt es mehrere Startgruppen. Noch schnell aufs Dixi und hoffen, dass Thomas es noch rechtzeitig schafft. 8.20 Uhr: Thomas ist da mit Startunterlagen. Juhu! In der letzten Startergruppe geht es für uns nun auch endlich los ins große Wander-Abenteuer.

Die ersten km vergingen wie im Flug.
Schnell kam man mit anderen Wanderern ins Gespräch. Viele alte Hasen dazwischen, die sich auch schon am 100km Marsch versucht haben. Doch bisher war noch niemand dabei, der die Strecke komplett geschafft hat. Das macht ja Mut dachte ich mir…. Lustig war auch mitzusehen, wie die anderen ausgerüstet waren. Teils sogar ohne Rucksack oder nur mit einem kleinen Leinenbeutel bewaffnet. Und ich sah so aus, als ob ich eine Weltreise machen würde mit meinem megagroßen Rucksack ? Einer ist sogar komplett Barfuß gelaufen. Wahnsinn. Schön an der Weser entlang ging es dann weiter.

Die erste Pause
An der ersten Pausenstation angekommen, sind schon die ersten Startergruppen wieder auf dem Weg. Krass, was es dort alles gibt. Riegel, Kekse, Kaffee, Äpfel, Bananen, Bifi, Saure Gurken …. ich hatte viel zu viel Essen mitgekommen. Das brauchte ich alles gar nicht. Aber das konnte man vorher ja nicht ahnen. Mein Pausensnack bestand aus Bifi, Banane, Riegel, Wasser und Kaffee. Dann ein schattiges Plätzchen gesucht und erst mal gestärkt. Danach neue Socken angezogen, die Trinkblase wieder mit Wasser gefüllt, kurz aufs Dixi rauf und dann ging es auch schon weiter. Immer das Ziel vor Augen, die 50 km in 12 Stunden zu absolvieren. Immer wieder sahen wir einen jungen Mann mit dem Auto an der Strecke halten, der seine Freunde mit einem frischen kühlen Bier bei Laune hält. Geile Idee. Ich will auch. Der junge Mann meinte, dann: Bei der nächsten Kreuzung würden wir auch ein kühles Blondes bekommen. Und das Versprechen hielt er auch ein. Geil! Doch eigentlich mag ich gar nicht so gerne Bier. Egal, eins geht immer und ich hab ja genug Bierfreunde um mich, die mir beim Austrinken helfen würden ?

Die ersten Abbrecher
Bei der 3. Pause (ca. 33 km) sah Thomas nicht mehr so fit aus. Er hatte sehr mit seinem Kreislauf zu kämpfen. Die Hitze zwang einige in die Knie. Die Ersten haben dort auch schon aufgegeben, sich ihre Urkunde ausstellen lassen und sind dann nach Hause gefahren. Thomas entschied sich noch etwas dort zu verweilen und abzuwarten, ob es bei ihm besser wird oder er auch abbrechen muss. Der Rest von uns lief weiter. Es war ein sch… Gefühl jemanden aus unseren Reihen zurück zulassen. Da wir ja sowieso schon die letzte Startergruppe waren, gibt es ja auch nicht mehr so viele Menschen auf der Strecke, die ihm helfen können, falls irgendwas ist. Mit einem unguten Gefühl ging es für uns weiter. So langsam wurde es schwerfällig das angestrebte Tempo zu laufen. Anfangs hatten wir noch einen 6er Schnitt. Doch je länger wir auf der Strecke waren, desto langsamer wurden wir. Immer wieder einen Blick auf die Uhr – aber wir waren noch gut in der Zeit.

Jeder ist auf sich allein gestellt
Der Tipp mit den doppelten Socken war Gold wert. Bisher noch keine Blase in Sicht. Hoffentlich bleibt es auch so. Mitten über Felder ging es weiter und weiter. Weit und breit kein Schattenplatz in Sicht. Immer wieder dachte ich an Thomas. Hoffentlich läuft er nicht alleine weiter. Hoffentlich kippt er nicht um und keiner bekommt das mit. Kathrin (Frau von Thomas) meinte dann: Oh er läuft weiter! Ihm geht es wieder besser. Na, Gott sei Dank. Aber hoffentlich schafft er es auch noch unter den 12 Stunden zu bleiben. Wieder am nächsten Pausenplatz angekommen entschied Ben und Kathrin sich auf Thomas zu warten. Der Rest von uns läuft jedoch weiter. Nun ist jeder auf sich allein gestellt. Das war uns auch von Anfang an klar. Jeder hat ein unterschiedliches Wohlfühltempo mit dem er klar kommt. Nun heißt es auf sich allein zu hören und die Strecke irgendwie zu meistern. Stefan kramte nun seine Bluetooth Box raus. Mit Musik ging alles viel leichter. Die weiteren Km sind durch den Sound der Musik leichtfüßiger gegangen. Doch irgendwann sang keiner mehr mit. Auch die Gespräche sind nun auf den Nullpunkt stagniert. Jeder war in seiner eigenen Gedankenwelt. Eine weitere Freundin von mir hielt unser Tempo nicht mit und lies sich ebenfalls zurück fallen. Von unserer 8 köpfigen Gruppe waren wir plötzlich nur noch zu Viert.

 

Die Strecke nahm einfach kein Ende
Da der Start etwas verlegt worden ist, stimmten die Streckenposten nicht mehr. Und irgendjemand erzählte mir, dass es nicht 50 km sondern mind. 53 km werden. WARUM?!? Es heißt doch Megamarsch 50/12 und nicht 53/12…  Ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass dies ein Mythos wäre. Doch leider nein.

Noch gute 10 km. So weit bin ich bisher noch nie gelaufen. Jeder Meter war nun eine Qual. Im Minutentakt fragte ich meinen besten Freund Dennis, wie weit es noch wäre. Ich hatte echt keine Lust mehr und das Ziel ist weit und breit noch nicht ansatzweise zu sehen. Am liebsten würde ich mich nun irgendwo hinsetzen und nie wieder aufstehen. Es ging nur noch gerade aus. Man konnte km weit schauen und die Gruppen vor uns sind nirgends abgebogen. Voll „motivierend“… Wie schön wäre es jetzt, wenn man einen Beamer hätte, der mich nun an den Gruppenanfang teleportieren könnte. Doch alle Stoßgebete blieben unerfüllt. Ich hab nur noch gejammert. Das kannte ich bisher von mir nicht. Und ich glaub, ich habe damit meine Freunde ganz schön genervt. Doch ich konnte nicht anders.

Dann endlich ein Zuschauer am Wegesrand. Ich fragte ihn wie weit es noch wäre. Er meinte: „Nicht mehr so weit. Noch ca. 10 km.“ Waaaaaasss?!? Immer noch?! Ich dachte wirklich, wir hätten es bald geschafft. Doch immer noch in dem verflixten Wald gefangen. Wer kam bloß auf die sch…. Idee hier mitzumachen. Uns war allen klar: Die 100 km schaffen wir nie! Und ich will sie auch gar nicht mehr schaffen. Wandern ist echt nichts für mich. Nach einer gefühlten Stunde, dann endlich ein erstes Haus in Sicht. Geil, nun gehts auf die Zielgeraden. Doch weit gefehlt. Es sind immer noch gute 5 km… Dass sich 10 km sooooo lange hinziehen können. Ätzend. Da lauf ich lieber 100 Marathons. Die sind wenigstens zeittechnisch schneller zu absolvieren. Stefan entschied sich kurz vor dem Ende des Waldes auf seine Freundin zu warten, damit sie gemeinsam ins Ziel einlaufen können. Ich war kurz am Überlegen ebenfalls zu warten. Mein Körper signalisierte mir jedoch: Alte, wenn du dich jetzt hinsetzt, dann war es das. Du wirst danach nicht weiter laufen. Also liesen wir Stefan ebenfalls zurück. Zu dritt ging es nun weiter durch die Innenstadt von Wildeshausen. Wieder stand Jemand an der Strecke, den ich mit letzter Kraft gefragt habe, ob wir es nun endlich gleich geschafft haben. „Ja, gleich habt ihr es geschafft. Nur noch ca. 20 Minuten“. Ohhhh man, immer noch 20 Minuten. Das kann doch nicht wahr sein. Wie in Trance schleppten wir uns von Straße zu Straße, doch das Ziel ist immer noch nicht in Sicht. Wie lang kann nur so ein Kaff sein?!? Irgendwo muss doch endlich mal das Ziel sein?!?

 

Der Zieleinlauf
Aber dann, endlich, um ein Häuserblock rum sehen wir den Banner des MegaMarsches, wo „ZIEL“ draufstand. Juhuuuu, wir haben es tatsächlich geschafft. Medaille eingesackt, ein kaltes Alster gegriffen, Urkunde aushändigen lassen und sich auf einen Blumenkübel gesetzt. Ich kann es nicht fassen. Wir haben es echt geschafft in guten 11 Stunden. Nun heißt es Daumen drücken, dass es auch der Rest unserer Gang „die Wandalen“ schaffen.

Meine Blase meldete sich zu Wort. Ich war seit 20 km nicht mehr auf Klo und hatte sicher 4 Liter Wasser in meinem Bauch. Doch wo ist das nächste Dixiklo? Nichts konnte ich sehen. Ich fragte dann jemanden, der mir gesagt hat, dass ich dafür noch mal ca. 400 Meter laufen müsste. Das ist doch ein schlechter Scherz, oder?!? Ich wollte am Liebsten im Blumenkübel pinkeln, doch Dennis meinte, dass ich das nicht machen könnte. Da sind doch viel zu viele Leute um uns herum. Doch das war mir gerade sowas von egal. Er schleppte mich nun weg vom Zielplatz auf der Suche nach einer Toilette, doch weit und breit nichts zu sehen. Auch nichts war ausgeschildert. Alles war bisher mega organisiert, doch der Zielbereich war echt scheisse. Nur Holpersteine, wenig Sitzgelegenheiten, keine Rasenfläche… Das war echt doof. Dann endlich eine öffentliche Toilette vor mir. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zu den Treppen bis zu Tür. Abgeschlossen. Das darf doch nicht wahr sein. Ich wollte mich schon davor hocken, denn ich war kurz vor der Blasenexplosion des Jahres. Doch Dennis motivierte mich weiterzulaufen. Dann endlich zwei Dixis in Sicht. ZWEI Dixis. Das ich doch echt lachhaft. Aber sogar zum Aufregen fehlte mir die Kraft…

 

Warten auf den Rest unserer Gruppe
Wieder zurück im Zielbereich sahen wir dann Olga und Stefan, die es ebenfalls ins Ziel geschafft hat. Sie sahen genau so fertig aus wie wir. Und kurz darauf kam Ben ebenfalls ins Ziel. Nur von Kathrin und Thomas fehlte noch jede Spur. Ben berichtete, dass er ebenfalls allein weiter gelaufen ist, weil er sein eigenes Tempo laufen wollte. Kurz bevor die 12 Stunden vorbei gewesen sind, kamen dann auch Kathrin und Thomas in Sicht. Whoooohoooo, wir alle haben es geschafft. Schnell noch ein Siegerfoto gemacht und dann ging es auch schon Richtung Bahnhof, wieder zurück zu unserer Ferienwohnung. Es war mittlerweile kurz vor Mitternacht. Bis auf Kathrin und Thomas waren wir alles sowas von durch. Die beiden meinten doch noch tatsächlich an dem Abend: „Also ich hätte locker noch 10 km weiter wandern können“. Krass, die beiden. Keinen Meter würde ich freiwillig mehr laufen und die beiden reden von Kilometer. Wahnsinn.

In der Wohnung angekommen hieß es dann endlich Duschen, Schuhe aus und die Wunden lecken. Da ich auf den letzeten 10 km ein paar Socken ausgezogen habe, da meine Schuhe drückten und ich das Gefühl hatte, gleich meinen Zeh zu verlieren, habe ich mir natürlich wieder schöne Blasen gelaufen. Auch meine gesamten Beine waren mit einer mega Sonnenallergie versehen. Alles juckte und brannte, aber das Gefühl des Sieges war unbeschreiblich. Um 1 Uhr sind wir dann alle todmüde ins Bett gefallen.

 

Der nächste Tag
Am nächsten Tag hatte ich, bis auf meine Blasen an den Füßen, überhaupt keine Schmerzen mehr verspürt. Nur die Sonnenallergie brannte wie Feuer auf den Beinen.  Für mich stand immer noch fest: Die 100 km in Berlin werde ich nicht mehr mitlaufen. Wandern ist echt nichts für mich und bringt mir auch überhaupt kein Spaß. Allein schon den schweren Rucksack auf dem Rücken zu schleppen, geht mir gewaltig auf den Keks. Diese Grenzerfahrung, die ich in Bremen erleben durfte, bleibt ein einmaliges Erlebnis. Ich bin froh, dort mitgemacht zu haben, aber ich bin noch glücklicher, dass dies nun auch vorbei ist.

Ein paar von uns wollen es im September versuchen und in Berlin an den Start gehen. Für sie steht fest: Auf jedenfall die 50 km knacken und dann schauen wie weit man kommt. Da ich ein Wettkampftyp, habe ich die Einstellung: Wenn ich irgendwo mitmache, will ich es auch schaffen. Mit 60 km wäre ich persönlich nicht zufrieden. Entweder 100 km oder gar nichts. Da ich jedoch 2 Wochen später den Berlin Marathon laufen will, ist die Regenerationszeit zu kurz vorher 100 km zu wandern. Ich werde somit nur zur Motivation für meine Gruppe dabei sein. Aber sicher keinen km mitlaufen.Trotzdem größten Respekt an allen, die sich diese Herausforderung stellen. Ganz egal, wie weit man kommt. Jeder, der an den Start geht, ist schon mal ein Gewinner.

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